𓁹

4.
Ausmisten und Loslassen

Ich neige immer mal wieder dazu, mein Herz an Dinge zu hängen.

Nicht nur ein bisschen, sondern im Tom-Hanks-und-Wilson-in-Cast-Away-Style.
Ernsthaft. 
Und was glaubst du, wie ich geweint habe, als mein geliebtes Auto den Geist aufgegeben hat (beim Schreiben checke ich gerade das Ding hinter „den Geist aufgeben“. Man sagt das immer so. Aber jaaa, mein Auto hatte Seele! R.I.P.).
Falls du beim Spanien-Blog dabei warst, weißt du ja, was die Wurstkutsche und ich gemeinsam erlebt haben.

Und wenn ich schreibe, dass es sich ganz leicht angefühlt hat, als die Entscheidung fiel, mein Grundstück zu verkaufen, heißt das nicht, dass es nicht weh tat und auch immer noch etwas weh tut.

Denn jaaa, verdammt, in diesem Ding steckt alles von mir. In jedem Detail. Jeder Gegenstand hat eine Geschichte.

Sei es die Schranktüren, die ich mit meinem Vater und Neffen aus dem Holz der Schränke meiner Oma gefertigt habe.
Die Musterfliesen in der Dusche, die leider falsch herum angebracht wurden, wodurch die Vögel nun nach unten schauen.
Die echt schlecht gemachten Abdichtungen unter den Fußleisten, die ich mit größtem Einsatz und höchster Unprofessionalität druntergepfuscht habe.
Oder die Klobürste, in die mein Logo graviert ist.

– du merkst, Halbherzigkeit ist nicht so mein Ding.

Und gerade weil es nicht so mein Ding ist, durfte ich im Laufe der Jahre einen Umgang damit finden, loszulassen, was an der Zeit war, losgelassen zu werden.

 

Neben der Meditation haben die sieben „gescheiterten“ Beziehungen als eine Art „Loslass-Bootcamp“ dazu beigetragen, eine innere Haltung zu entwickeln, die es mir erlaubt, traurig und gleichzeitig glücklich zu sein. Denn klar kann ich daran verbittern oder – wie ich präferiere – ich gucke mir den Shit an, beobachte die Achterbahnfahrt in mir, fühle es durch und, finale Kür: ich übe NICHT bei den Gedanken zu verweilen, die meinen Schmerz immer wieder reinszenieren würden. Gelingt nicht immer und ist nicht wirklich ein Zuckerschlecken, aber absolut meine erste Wahl.

Phasen enden.
Materie geht kaputt.
Partner lassen dich los, auch wenn du sie nicht loslassen möchtest.

Und das bedeutet, Gewohnheit loslassen.

Erwartungen loslassen.
Vertrautheit loslassen.
„Sicherheit“ loslassen.
Denn was gewohnt ist, scheint sicher – auch wenn es uns dabei nicht gut geht.
Unserem Nervensystem ist es nämlich scheißegal, ob wir glücklich sind.
Es interessiert sich einzig und allein für unsere Sicherheit.
Und am alten Kram festhalten ist sooo viel sicherer, als ins Unbekannte zu steppen.

So übe ich mich also darin auszumisten und loszulassen.

☯︎

Jeder Gegenstand in meinem Haushalt wird begutachtet, und ich frage mich:

Möchte ich dich wiedersehen?

Manchmal ist die Antwort direkt klar.
Manchmal sagt mein sentimentales Herz ja, und gleichzeitig weiß ich, dass es Zeit ist, loszulassen.
Dann lege ich die Sache nochmal zurück, bis eine neue Runde vielleicht schon mehr Klarheit mit sich bringt.

Dinge werden gespendet oder an die Straße gestellt – denn Hannover nimmt gerne Dinge von der Straße mit.

(Memo an mich: Neeeeeeein, die Kiste, die bei den letzten zwei Umzügen nicht ausgepackt wurde, birgt auch jetzt keine Schätze!)

Wenige Dinge werden vorsichtig verpackt, bereit für ein Wiedersehen. Irgendwann.

Die wenigsten Dinge werden mitgenommen.

Ich habe mich übrigens dazu entschieden, nur mit Handgepäck zu reisen, und dreimal darfst du raten, worüber ich die meiste Zeit nachdenke:

Wie kann ich so viel wie möglich des hervorragenden Baochung-Tees mitnehmen, den meine taiwanischen Freunde mir regelmäßig schicken?

Denn den bekommst du so gut wie nirgends!!!

Wenn ich einen Geschmack konservieren könnte – puhhhh.

Außerdem brauche ich noch ein hübsches Reise-Tee-Aufguss-Set.
Da habe ich natürlich genaueste Vorstellungen und schon eins im Visier.
Ja. Das brauche ich wirklich!
Halt mich verrückt, aber locker 60 % meiner Gedanken bezüglich des Gepäcks drehen sich um meinen Tee : )

Ansonsten sind mir drei Gegenstände wichtig und kommen mit in den Koffer:

Mein Kopfkissen.
An ungewohnten Orten brauche ich ein gewisses Arrangement in meinem Bett, um mich wirklich „ablegen“ zu können.

Ein großes Mückennetz.
Auch ein Bett-Arrangement. Wegen der Mücken, klar. Aber auch wegen potenzieller Spinnen, die so groß sein könnten, als müsste ich für sie einen Zweitschlüssel anfertigen lassen. Ach quatsch, auch für die Kleinen.

Ich bin übrigens auf die ersten Spinnen-Begegnungen gespannt. Denn ich hatte lange Zeit ein sehr schlechtes Verhältnis zu diesen Tieren. Nach Hypnose und intensiver Beschäftigung mit meiner Spinnenangst ist aber schon viel passiert. Mal sehen.

Last but not least →

Happy Po.
Ja. Eine Po-Dusche.
Die beste Erfindung für uns Westler:innen, die sich ernsthaft nach dem großen Geschäft mit Papier den Hintern abwischen. Ich meine, wenn du irgendwo reintrittst, machst du das ja auch nicht nur mit Papier weg… Solltest du mal damit liebäugeln – bei YouTube gibt es ein sehr unterhaltsames Tutorial dazu.

Außerdem – ein absoluter Game Changer in Sachen Blasenentzündung.
Ich sag’s ja nur.

Seitdem ich Happy Po das erste Mal benutzt habe, frage ich mich, wie ich all die Jahre ohne auskam, und deswegen ist das Ding safe in der Tasche.
Danke noch mal, Holger, dass du diese Perle in mein Leben gebracht hast.
Beim Schreiben fühle ich mich übrigens so, als würde ich dir das Ding verkaufen wollen. Aber keine Angst, ich habe keine Deals mit der Firma!

Und wenn ich gerade so drauf gucke, merke ich, dass die Essenz dieser Gegenstände für mich eine Gefühls-Mischung aus Genuss und Geborgenheit ist. Gefällt mir irgendwie.

Außer Happy Po natürlich. Das ist wie die Luft zum Atmen : )

𓁹

Und so beobachte ich mich beim Aussortieren und nehme wahr, wie sehr ich mich nach einer Sicherheit sehne, die mir keines dieser Dinge geben kann.

Ich beobachte, wie ich versuche, die Sicherheit in mir selbst zu kultivieren.
Mal mehr, mal weniger „erfolgreich“.

Ich beobachte mein Herz, wie es schwer wird beim Gedanken, meine liebsten Menschen lange nicht in den Arm zu nehmen. Und wie es gleichzeitig so leicht wird beim Gedanken, ohne Plan in der Welt rumzulungern.

Und wie spannend ich es finde, wie jeder Gedanke mir ein anderes Gefühl bereitet.

Ich nehme wahr, wie meine Entscheidungen andere Menschen bewegen, was mich wiederum sehr bewegt.

Ich nehme wahr, dass alles gleichzeitig da ist.

Was für ein schöner Haufen in mir!

Das war übrigens die Orakelkarte, die ich gezogen habe, nachdem ich diesen Beitrag fertiggestellt hatte.

Lust, dass ich eine Karte für dich ziehe?

Orakelkarte - Expansion

Das Orakel Deck ist von Julian Moroni. Unsere Ästhetik matched sehr, wie du siehst.

𓁹

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